Und hier geht's zum Figurenland - Seiffen - Blog

Dienstag, 3. April 2018

Blick in die Ferne - Teil 5

Der Donnerstag wurde am Vormittag von dem Thema Piraterie und Terrorismus bestimmt. In der praktischen Übung ging es dann noch einmal um das Feuer.

 
Als fünfer Team eingeteilt betraten wir einen Raum, der eher an ein kolumbianisches Gefängnis als einen Ausbildungsraum erinnerte. Zum einen herrschten gefühlte 40°C, was Maria mehr als freute und zum anderen dominierte ein riesiger Gitterkäfig die Fläche. Er erstreckte sich nach allen vier Seiten und erhob sich bis zur Decke. Dazwischen war er von zwei Böden und einigen Gitterquerwänden unterteilt, sodass schmale Gänge auf drei Etagen entstanden. Ihr könnt euch das Ganze wie eines dieser Kinder-Spielparadiese vorstellen, mit Gängen und Hindernissen, welche es zu überwinden gilt, um den Ausgang zu finden. Leider hatten die Etagen gerade eine Höhe von ca. 1m, sodass wir uns grundsätzlich nur auf Knien, manchmal robbend, fortbewegen konnten. Thilo drückte uns grinsend einen Dummy in die schwitzigen Hände und erklärte uns: „Dies ist euer ohnmächtiger Kapitän. Bringt ihn heil und natürlich stets mit dem Kopf nach oben durch die Gefahrenzone.“ 

Nach den ersten zwei Metern im Tunnel ging das Licht aus. Maria als unser Gruppenleiter hatte eine Taschenlampe und den Weg voraus. Sebastian und ich kümmerten uns um den Kapitän. Richard hatte mit seinen 2m Körpergröße genug zu tun und Lisa bildete den Schluss, um alle zusammen zu halten und die „Türen“ wieder zu schließen. So weit so gut. Das wirkliche Problem kam eine Rampe, zwei Halbwände zum drüber klettern und eine Eisenluke in die zweite Etage später. Rauch und ohrenbetäubender Lärm. Am Anfang war es noch Musik, welche motivierte. Später kann ich es nicht genau sagen. Das rote Schummerlicht und die Heizstrahler machten die Szenerie komplett. Willkommen in der Feuerkatastrophe. Ich spürte, wie der Schweiß mir über Arme und Rücken lief. Wie der Disconebel meine Lunge besetzte. Gemeinsam mit Sebastian versuchte ich, unseren Kapitän zu retten. Ihn vorsichtig aber so zügig wie möglich durch diesen Albtraum zu bringen. Wir robbten durch schmalen Röhren, versuchten die anderen schreiend und hustend vor einer schwingenden Doppeltür zu warnen und konnten unsere Hand vor Augen nicht sehen. Da wäre die Nichtrostende Doppelton-Signalpfeife sicher hilfreich gewesen. Ja, die Helme hatte Thilo nicht ohne Grund verteilt. Nach diesem Abenteuer folgte ein sehr nachdenkenswerter Film über Selbstmord und Brandstiftung auf Schiffen. Ist das Leben an Bord wirklich so belastend? 

Den Abend ließen wir mit Lernen und gemeinsamem Grillen auf dem Hausboot ausklingen. Es ist gut, Menschen zu haben, die deine Interessen teilen. Einige von den Jungs waren bereits gereifte Seeleute. Sie arbeiteten auf großen Tankern, fuhren für Seawatch oder waren Fischer mit eigenen Booten. Diese Erfahrungen, die sie mit uns teilten, steigerten die Vorfreude auf das Kommende noch mehr.

Montag, 2. April 2018

Blick in die Ferne - Teil 4

Der Mittwoch spezialisierte sich auf die Hochseetauglichkeitsuntersuchung beim Arzt und die Evakuierung und Leitung von Menschenmassen. Als erstes durfte das „Marine Evacuation System“ ausprobiert werden. Eine Art Bauschuttröhre für Menschen. Durch Körperspannung und seine ausgestreckten Arme kann man langsam durch einen inneren Stoffschlauch hinab rutschen. Ein wirklich spannendes Gefühl. So ist es möglich, Menschen auch über eine größere Höhe sicher nach unten zu bringen, ohne dass sich jemand verletzt. Damit allerdings jeder weiß, zu welchem Schlauch oder Rettungsboot er muss, gibt es zu Beginn jeder Reise einen Drill: Eine Notschutzübung für den Ernstfall. Dieser Ablauf wird dann vom „General Emergency Alarm“; sieben mal kurz, einmal lang angekündigt. Jeder Passagier wird auf seiner Kabine eine Rettungsweste finden, welche er anlegen muss. Ein Team von Crewmitgliedern wird jede Kabine, jedes Restaurant, jede noch so kleine Kammer einzeln öffnen und nach Menschen durchsuchen. Keiner wird vergessen. An den Treppenhäusern und Türen wird weiteres Personal stehen und den richtigen Weg zu den Musterstationen zeigen. Gemeint ist damit eigentlich nichts anderes als eine von mehreren Sammelstationen. Je nach Größe des Schiffes kann die Passagierzahl unterschiedlich sein.
Jeder kann den Namen seiner Musterstation auf seiner Rettungsweste und den Fluchtplänen finden. Von dort aus muss man einfach ruhig bleiben. Dem Personal zuhören und tun, was einem gesagt wird. Dafür wurden wir trainiert. Ziemlich sicher werde ich die ersten Wochen an Bord noch nicht alles wissen und die Vorstellung, dass das Leben dieser Menschen in meiner Hand liegen könnte, macht mir Angst, aber der Großteil der Crew ist alteingesessen und routiniert in diesen Übungen. Vertraut also darauf was gesagt wird. Wir wissen, was wir tun.

Durch Melina hatten Maria und ich die letzten Abende bereits etwas Anschluss zu den anderen Gästen auf dem Hausboot gefunden und an diesem luden sie uns ein, mit ihnen feiern zu gehen. Als anerkannter Musik- und Tanzfanatiker kam eine Absage natürlich nicht in Frage und da ich mit Maria eine Mitstreiterin für meinen alkoholfreien Lebensstil gefunden hatte, versprach es ein toller Abend zu werden. Wir besuchten einen kleinen Studenten Club in Rostock und auch, wenn der DJ keine Ahnung von seinem Handwerk hatte, machten wir die Tanzfläche unsicher. Ein kluger Mensch sagte einmal: „Du kennst einen Menschen erst wenn du mit ihm tanzt.“ Und da ist was dran. Ich hoffe, auf dem Schiff genauso schnell Anschluss zu finden, wie in dieser Woche.
  

Sonntag, 1. April 2018

Blick in die Ferne - Teil 3

Am Dienstag stand das Gegenteil im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit, das Wasser. In dieses durfte dann auch abgetaucht werden. Zuerst lernten wir allerdings alle Arten von Rettungsmitteln kennen, verschiedene Boote, Reifen und Westen. Nicht jede Schwimmweste ist auch eine anerkannte Rettungsweste. Eine Grundvoraussetzung ist zum Beispiel die Nichtrostende Doppelton-Signalpfeife oder wovon im Englischen gesprochen wird: „whistle“. Ich hoffe für euch, dass ihr auch mal die Gelegenheit bekommt, so einen Nachmittag wie diesen zu erleben. Unsere Ausrüstung bestand aus einer verpackten Rettungsinsel, zwei Rudern und je einem Immersion Suit. Ein 6mm dicker Neoprenanzug mit integrierter Rettungsweste, Kapuze und geschlossen Fuß- und Handteilen. Ach ja... und in leuchtend orange. Für die Farbe sollten wir im gut befahrenen Hafenbecken dann auch sehr dankbar sein. Es war wirklich anstrengend, in diesem Anzug zu schwimmen und Figuren zu bilden, die Rettungsinsel zu entern und mit ihr zurück zum Ufer zu paddeln. Wir haben alle einiges an Wasser geschluckt. Der Teamgeist war jedoch wirklich großartig: Mit „My Bonnie is over the ocean“ auf den Lippen ging es dann zurück an Land. Unsere letzte Herausforderung bildete der Sprung von der Hafenmauer ins Wasser und davor hatte ich wirklich Angst. Höhe macht mir nichts aus und Adrenalin erst recht nicht. Aber den Kopf unter Wasser zu haben. Nicht Atmen zu können, orientierungslos zu sein. Das ist einfach eine Situation, die ich in einem früheren Urlaub bereits kennengelernt habe und auf die ich wirklich verzichten kann. Also stand ich mit zitternden Knien an einen Pfeiler gedrängt und habe zu gesehen, wie einer nach dem anderen den Abgang gemacht hat. Scheiße. Am liebsten hätte ich geweint.
Swantje, unsere zweite Lehrerin hat glücklicherweise meinen Zustand bemerkt und mir gut zugeredet, mich motiviert und alle lebendig im Wasser zu sehen sprach ja für sich. Also habe ich es versucht. Es gibt einen Punkt, an dem das Adrenalin den Kopf besiegt, ein kurzes Fenster in dem man weiß, dass der Körper bereit ist etwas zu tun wozu er sonst nicht in der Lage wäre. Und dieses Fenster gilt es zu finden und zu nutzen. Der Moment in der Luft war großartig und der Moment vom Aufprall bis zum Auftauchen so kurz, dass ich ihn kaum bemerkt habe. Nicht zu vergleichen mit dem Sprung von damals. Am Ende war ich richtig happy über diesen gelungenen Tag.




 


Samstag, 31. März 2018

Blick in die Ferne - Teil 2

Mein Kopf tat weh, die Deutsche Bahn hatte auf den rund 500km mal wieder ganze Arbeit geleistet. Müde strich ich mir das verschwitzte Haar aus der Stirn und suchte nach Orientierung. Wo war jetzt dieses Zentrum? Ungeduldig wartete ich auf den vertrauten blauen Punkt meines GPS Signals und scannte die Umgebung, eigentlich war es hier richtig schön. Eine kleine Fußgängerbrücke spannte sich über die beiden Gleise der S-Bahn. Links und rechts gesäumt von einigen Laubbäumen und einem weißen Einfamilienhaus. Darüber lachte ein blauer Himmel mit den Möwen um die Wette. Möwen, tatsächlich, ich war am Meer. Sofort fühlte ich die Vorfreude in meinen Adern und setzte mich in Bewegung. Google Maps führte zielsicher am Ufer entlang. Auch, wenn die Bäume den Blick auf die See versperrten, konnte ich sie so deutlich fühlen. Innerhalb von 20 Minuten kam das Hafengelände in Sicht. Zwei große Schilder verwiesen auf das AFZ Ausbildungszentrum und die Anlegestelle der Severa Wohnschiffe.
Die Kajüte im Bauch des Schiffes war klein, sehr klein. Die Ausstattung pragmatisch, ein schmales Doppelstockbett, ein Tisch, zwei Stühle, darüber ein Brett an der Wand als Regal und eine Nasszelle. Alles da, was man zum Leben brauchte. Ohne lange nachzudenken entschied ich mich für das obere der zwei Betten. Sollte meine Mitbewohnerin etwas kleiner sein, war sie sicher froh, wenn sie nicht jeden Abend klettern müsste. Trotz der guten Vorsätze, in der Messe gleich sozialen Anschluss zu finden, siegte die Müdigkeit und entließ mich erst wieder, als die Tür geöffnet wurde und Maria in unsere 6qm einzog. Ich lernte schnell ihre Gesellschaft zu schätzen. Die Lateinamerikanerin wird als Sängerin auf die MS Albadros aufsteigen, also wenn ihr eine Reise mit dieser plant, grüßt die junge, charmante Frau mit der grandiosen Stimme von mir.

Unsere Ausbildung begann am nächsten Morgen 8Uhr. In einem dieser typischen Kurs-Klassenzimmer. Alle Tische in einem großen U. Die Wände gesäumt von Plänen, Plakaten und einigen Gerätschaften, deren Bedeutungen mir absolut schleierhaft waren. Der Grund warum da Kaffee neben Mandarinen, Äpfeln und Schokoladenriegeln stand, lag dagegen vollkommen auf der Hand. Der Kurs war 15 Personen stark und zu meiner großen Überraschung komplett auf Englisch. Wenn man weiß das es eine Prüfung am Ende der Woche geben wird, ist dieser Umstand schon etwas beängstigend. Mein Englisch ist nicht schlecht, aber da gibt es auch noch deutlich Luft nach oben. Eine weitere Chance, die man mit dem Meer ergreift.
Der Aufbau unserer Tage war an sich immer gleich: Am Vormittag gab es die Theorie und nach der Mittagspause ging es zum spaßigen Part über. Nicht, dass die Theorie langweilig gewesen wäre. Einerseits waren die meisten Themen dafür einfach viel zu spannend, andererseits hatten wir einen ziemlich interessanten Lehrer: Thilo, ein schlanker, junger Mann mit der richtigen Mischung aus Humor, Durchsetzungsvermögen und Arroganz. Mit einer extra Priese Disziplin wäre er wohl einer der besten Lehrer gewesen, die ich je kennen gelernt habe. Der Montag war dem „fire extinguisher“, „fire prevention“ und „fire fight“ gewidmet. Ein wichtiges Thema. Feuer wird von den meisten Seeleuten mehr gefürchtet als Sturm, Nebel oder Untiefen.
Wo will man auch hin, wenn der sicherste Ort im Umkreis von mehreren Kilometern einfach unter einem weg fackelt. Dabei kommen kleine Brände auf Schiffen andauernd vor. Und genau da kommen wir als Crew ins Spiel. Das Training soll uns auf den Ernstfall vorbereiten. Wie benutze ich einen Feuerlöscher oder Feuerwehrschlauch? Wie handhabe ich eine Löschdecke? Welcher Stoff kann womit gelöscht werden? Habt ihr schon mal einen Fettbrand gesehen in den 100ml Wasser gegossen wurden? Die Stichflamme ist gigantisch. Wenn ihr irgendwann auf ein Schiff geht oder in einem Hotel übernachtet, selbst wenn ihr in einem Mehrfamilienhaus wohnt, schaut euch einfach mal an, wo ein Feuerlöscher hängt und was es für Fluchtpläne gibt. Im Ernstfall hat man dafür dann keine Zeit mehr.
So ernst das Thema auch ist, die Praxis hat trotz 4°C und Regen richtig Spaß gemacht. Und da wir eh schon nass waren war dann auch die Dusche mit dem Feuerwehrschlauch fast egal...